Der Familienflüsterer

Der Familienflüsterer

02.02.2019, 01:23 Uhr

Der größte Pädagoge Europas: Jesper Juul.
Der größte Pädagoge Europas: Jesper Juul. © Imago

Die Lehren des Familienflüsterers klingen banal, seine Auftritte brachial. Trotzdem ist der Pädagoge Jesper Juul der Guru engagierter deutscher Eltern. Das hat wenig mit ihm zu tun – und viel mit uns.

Von Rudolf Novotny

Der Mann, der weiß, wie Kinder leben sollen, ist fett und raucht Kette. Jesper Juul drückt sich an die Außenmauer des Berliner Kinos Babylon, über seinem Bauch spannt ein helles Hemd, über dem Hemd schlabbert ein braunes Jackett. Er zieht an einer Zigarette. Sein Gesicht leuchtet im Schein der Glut. Kein Hals, nur Doppelkinn.

Nein, Jesper Juul sieht nicht gerade aus wie der bedeutendste Pädagoge Europas. Aber so wird er gleich angekündigt. Im Kinofoyer drängen sich die Menschen. Sie beugen sich über Juuls Bücher, die auf einem Tisch ausliegen, mit Titeln wie „Die kompetente Familie“ oder „4 Werte, die Kinder ein Leben lang tragen“. Auch das Motto der Veranstaltung ist einem der Juul’schen Werke entnommen: „Wem gehören unsere Kinder – dem Staat, den Eltern oder sich selbst?“ Elternthemen, Familienthemen. Die Themen des liberalen Bildungsbürgertums, das sich hier versammelt hat.

Jesper Juul wirft die Kippe weg und betritt das Foyer. Schwankend, stampfend, breitschultrig durchquert er die Halle. Wie ein alter Boxer erklimmt er die Bühne, lässt sich in einen der beiden Sessel fallen, die vor einem dunklen Samtvorhang stehen. Es gibt nur wenige Pädagogen, die es schaffen, einen Fünfhundert-Plätze-Saal mitten in der Woche mit einer Buchvorstellung für zwölf Euro Eintritt zu füllen. Vielleicht ist Jesper Juul sogar der einzige Pädagoge, der das fertigbringt. Er ist der Star der Szene. Die Medien feiern den 65-Jährigen als „Heilsbringer“ und „Familienflüsterer“, als einen „Mann mit einer Botschaft“. Die besteht im Kern aus vier Schlagworten: Gleichwürdigkeit, Integrität, Authentizität und Verantwortung.

Der Kern: Gleichwürdigkeit, Integrität, Authentizität und Verantwortung.

Juul glaubt, dass Eltern und Kinder emotional und sozial auf Augenhöhe sind. Das Kind ist ein fertiger Mensch, der nicht durch Ermahnungen hingebogen werden muss, sondern durch Nachahmen und Ausprobieren lernt. Die Eltern haben das letzte Wort, müssen ihr Kind aber als Individuum ernst nehmen, ihm Liebe und Vertrauen schenken. Grenzen werden dem Nachwuchs aus innerer Überzeugung gesetzt. Fehler bei der Erziehung sind in Ordnung, die machen alle. Regeln und Methoden lehnt Juul ab, weil jede Familie anders ist. Schließlich kann man die Botschaft auch so lesen: Eltern, entspannt euch, das passt schon.

Jährlich ein Buch

Vom ersten Ratgeber, den der Däne 1997 in Deutschland herausbrachte, „Dein kompetentes Kind“, hat der Rowohlt-Verlag bis heute 200.000 Exemplare verkauft. Drei Jahre später erschien „Grenzen, Nähe und Respekt“ und ging 100.000-mal über die Ladentische. Seither bringt Juul im Schnitt jährlich ein Buch auf den Markt, meist geht es darin um den Umgang mit dem Nachwuchs.

Parallel dazu baut er seit 2004 sein Elternberatungsprojekt „Familylab – Familienwerkstätten“ auf. Das Netzwerk erstreckt sich inzwischen über mehrere europäische Länder. Zimperlich ist der Pädagoge dabei nicht vorgegangen: Der Sitz der Familylab International GmbH liegt seit 2011 in der Schweiz, im Steuerparadies Zug. An einer Adresse, an der über 200 andere Firmen angemeldet sind und mit einem Geschäftsführer, der für 90 Unternehmen gleichzeitig tätig ist – Schweizer GmbHs müssen durch Personen vertreten sein, die ihren Wohnsitz im Land haben.

In Deutschland wurde die erste Werkstatt 2006 eröffnet. Angeboten werden Vorträge, Seminare und Weiterbildungen für Erzieher, aber auch für Eltern. Dazu kommen Videos, Audios und noch mehr Bücher. Etwa 330 Trainer gibt es in Deutschland. 2300 Euro kostet die achttägige Weiterbildung. Ein Pädagogik-Universum, erschaffen von Jesper Juul. Ein Juuliversum.

Welche Kräfte machen einen Pädagogen aus Dänemark zum Heilsbringer deutscher Eltern? Ein kleiner Konferenzraum in Hamburg. Weißes Licht, ein Flipchart, ein Tisch. Darauf Flaschen und Gläser, Papier und Stifte. Dahinter sitzt Jesper Juul. Schnaufend wie immer wartet er auf Interviewfragen. Sein Schädel mit den grauen Locken wirkt aus der Nähe noch massiger.

Herr Juul, weshalb sind Sie ein Idol?

„Das weiß ich nicht. Ein Kollege hat mal gesagt, weil ich der Einzige bin, der Eltern Mut gibt. Aber ich bin ja nicht so ein Kuschler. Ich sitze ja nicht da und sage: Alle Eltern sind schön und wunderbar. Und vieles von dem, was ich sage, sage ich seit 25 Jahren.“

Wie fühlt es sich an, Europas bedeutendster Pädagoge zu sein?

„Das nehme ich überhaupt nicht wahr. Ich habe ein ganz kleines Ego. Ich protestiere nur, wenn man sagt, hier haben wir Europas besten Familientherapeuten. Das ist mir unangenehm.“

Einverstanden damit, dass Ihre Philosophie nur gesunder Menschenverstand ist?

„Das habe ich immer gesagt. Ich brilliere auf einem sehr billigen Hintergrund.“

Die dänische Version von Helmut Kohl

Jesper Juul spricht, wie er sich bewegt. Vernuschelte Konsonanten, dänischer Akzent. Kuschler wird bei ihm zu Kusler, Schublade zu Subade, Ich zu Is. Nicht die eloquente Stimme eines Intellektuellen, eher die dänische Version von Helmut Kohl.

Auf der Bühne im Babylon hat der Moderator die Einführung beendet. Jetzt soll es um das neue Buch gehen. Der Verlag preist „Wem gehören unsere Kinder“ als Streitschrift für elterliche Selbstbestimmung, mit der die Kampagne für mehr Krippenplätze entlarvt würde. Jesper Juul mag Krippen nicht. Er bezeichnet ihren Ausbau als „Zwangsmaßnahme“, die nur der Wirtschaft guttut. Juul erklärt, dass Kita-Erzieherinnen Jungen als problematisch abstempeln würden, wenn die sich nicht wie nette kleine Mädchen benehmen. Der Pädagoge zitiert eine Umfrage: Ein Viertel der Jungen fühle sich nicht wohl in der Kita. Genau derselbe Prozentsatz, den die Erzieherinnen als schwierig einstufen. „Ein Viertel unserer Kinder wird im Alter zwischen drei und sechs ausgegrenzt. Und das, bei allem Respekt, von Leuten, die keinen Hintergrund haben.“ Irgendwo klatscht jemand ein paar Mal in die Hände.

„Sie sprechen den Erzieherinnen die Kompetenz ab, über die Kinder zu urteilen?“

„Ich stelle nur fest, dass in Deutschland die Erzieherinnenausbildung nicht sehr ausgezeichnet ist. Sie ist hoffnungslos altmodisch.“ Applaus brandet auf.

Juul nimmt sich Mütter vor, die Aggressionen ihrer Kinder nicht dulden wollen: „Wenn mich ein Zweijähriger auf das Bein haut, sage ich: Ich will das nicht! Aber diese modernen Mütter sagen: Hör mal Schätzchen, das mag Mutti nicht. Da wird jeder aggressiv.“ Gelächter im Saal. Dann kommen die Schulen dran: „Das einzige System im Staat, das keinerlei Verantwortung übernimmt. Die sagen immer, die Kinder sind schuld, die Eltern sind schuld, die Politiker sind schuld.“ Gelächter und Applaus. Schließlich lobt er noch das Betreuungsgeld: „Ich finde es wunderbar, dass die deutschen Eltern wählen können. Darüber kann ich mich nicht aufregen.“ Der Saal lauscht andächtig dem Mann, der wie eine Wildsau durch das Dickicht der Pädagogik prescht. Dann ist Pause. Jesper Juul will eine rauchen.

Von einem Publikum dafür bejubelt zu werden, dass man es runtermacht – es gibt nicht viele Menschen, die so etwas fertigbringen. Charisma braucht man dazu. Ein Gefühl dafür, was man dem Publikum zumuten kann. Auf der Bühne, auf dem Fernsehschirm, in Interviews. Und eine Botschaft. Juuls Botschaft ist billig, das sagt er selbst, weil jeder, der über gesunden Menschenverstand verfügt, zu denselben Erkenntnissen kommen muss wie er. Vielleicht ist die Frage nach Botschaft und Charisma die falsche Frage. Weil sie sich auf den Heilsbringer konzentriert. Statt auf die Umstände, unter denen jemand zum Heilsbringer wird.

Corinna Simpson sitzt im Schneidersitz auf einer Isomatte und sagt: „Ich würde gerne für euch alle das du geltend machen.“ Sie guckt in die Runde. Zehn Frauen, zehn Mütter nicken. Sie sind zum Familylab-Kurs in Berlin-Steglitz zusammengekommen. Corinna Simpson sagt: „Mein Ziel ist es, euch zu unterstützen, den eigenen, authentischen, persönlichen Weg zu gehen.“ Corinna Simpson ist die Seminarleiterin, heute heißt es „Das Selbstgefühl des Kindes stärken“. Drei Stunden sitzen die Mütter auf blauen und orangefarbenen Sitzkissen zwischen gelben und orangefarbenen Wänden. Vier Altarkerzen stehen auf dem hellen Holzboden. Es gibt Knabbereien und Yogi-Tee, in einer Kanne mit Wasser schwimmen Steine, weiß, grau, pink. Hämatit, Rosenquarz und Bergkristall, erklärt Corinna Simpson. „Die vitalisieren das Wasser.“

Mit 16 auf See

Imke, 43, Goldschmiedin, ist seit zwei Jahren Mutter von Zwillingen, seit anderthalb Jahren kommt sie ins Familylab. „Ich möchte nicht mehr in alte Muster zurückfallen“, sagt sie. Sabrina, 35, Beamtin im mittleren Dienst, hat eine zweieinhalbjährige Tochter. „Ich habe es ganz gut hinbekommen, mein Kind nicht zu indoktrinieren, aber ich würde das gerne hier reflektieren“, erklärt sie den anderen Müttern. Zehn Frauen stellen sich vor. Es ist die Lebenswelt des deutschen Mittelstandes, in der sich Mütter mit guten Berufen, mit guter Bildung fragen, was das Beste für ihr Kind ist. Sie wissen nur: Der Weg der eigenen Eltern kann es nicht sein. Dieses Wechselspiel zwischen Befehl und Gehorsam. So waren die Rollen lange verteilt.

Eine Mutter räuspert sich. „Und wenn meine kleine Tochter ihr Essen auf den Boden wirft, und ich ihr das verbiete, nehme ich ihr das Selbstgefühl?“

„Nein, du zeigst ihr, wie du dich dazu verhältst.“

„Aber ich schränke ihr Selbstgefühl doch ein?“

„Ich verspreche dir, das passiert nicht. Sag ihr: Ja, ich weiß, dass dich das wütend macht, wenn ich dir so etwas verbiete. Damit erkennst du ihre Gefühle an und ihr habt Kontakt. Das ist der Zauber der Anerkennung.“

Ein paar Tage nach dem Seminar sitzt Corinna Simpson in einem Café und erzählt, was ihr auffällt an den Eltern, die zu ihr kommen. „Sie haben einen enormen Druck. Sie denken, sie sind nur gut, wenn ihr Kind Abitur macht und studiert. Da fehlt die Leichtigkeit.“ Den Kontakt zu den Kindern wollten alle herstellen. „Aber sie haben meist nicht einmal Kontakt zu sich selbst.“ Die Pädagogik habe dieses Problem mit methodischen Ratschlägen für den Umgang mit dem Kind lösen wollen. „Doch allgemeine Methoden greifen da nicht, weil jede Beziehung individuell ist.“

Unsicherheit schafft Räume für Heilsbringer. Weil sie Sinn stiften, wo Chaos herrscht. Die Erziehung mit harter Hand ist seit 1968 nicht mehr gesellschaftsfähig. Das darauffolgende Laisser-faire hat als Rollenmodell ebenfalls ausgedient. Seitdem wird gesucht. Und propagiert. Der ehemalige Leiter des Internats Salem, Bernhard Bueb, lobte die Disziplin. Der Pädagoge Michael Winterhoff stand mit seiner Warnung vor kindlichen Tyrannen wochenlang auf der Bestsellerliste. Auch die Faszination von Juuls Forderung nach Gleichwürdigkeit und Authentizität erwächst aus dem Vakuum in der Pädagogik. In solch einem Vakuum kann sich das Juuliversum ausdehnen. Es macht Menschen empfänglich für seine Botschaft. Und je erfolgreicher die Juul’sche Botschaft, desto größer die Juul’sche Präsenz, was wiederum die Bekanntheit der Botschaft steigert.

Wer ist Jesper Juul?

Es gibt zwei Antworten auf diese Frage. Die eine erzählt von dem Werdegang des Pädagogen und Therapeuten. Sie beginnt 1966 mit seinem Geschichts- und Religionsstudium. Jesper Juul war damals 18 Jahre alt, nach dem Abschluss begann er, in einem dänischen Kinderheim als Erzieher und Sozialarbeiter zu arbeiten. Dort lernte er, wie wichtig die Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist. Auf einer Fortbildung traf er den Psychiater und Familientherapeuten Walther Kempler aus den USA. Dessen Einfluss führte zu vielen der Methoden und Ansichten, die der Therapeut Juul vertritt. Gemeinsam gründeten sie 1979 das „Kempler Institute of Scandinavia“, das Juul 25 Jahre später verließ, um das erste Familylab in Dänemark aufzubauen.

Die andere Antwort erzählt von der Zeit, als Jesper Juul noch kein Therapeut war, sondern ein Junge, der mit 16 und einem Realschulabschluss in der Tasche sein Elternhaus verließ. Er heuerte bei einer Reederei an, in der Kombüse eines Frachters. Von der Kombüse ging es in Restaurants und Bars und auf den Bau, als Tellerwäscher und Barkeeper und Betonarbeiter. Da kommt die einfache, direkte, ehrliche Art her. Und vielleicht auch die Sanftheit.

Juul hat das Blatt im Hamburger Interviewraum ziemlich vollgemalt. Viele Pfeile, ein paar Zahlen. Er sagt: „Es war unangenehm in meiner Kindheit. Die Familien waren unangenehm, die Schulen waren unangenehm. Für mich und meine Freunde war es furchtbar, Kind zu sein.“

Was war furchtbar?

„Man durfte nicht man selbst sein. Es hieß, Kinder soll man sehen, nicht hören. Es gab keine Freiräume.“

Gar keine?

„Doch, im Wald. Da habe ich meine Kindheit verbracht. Sogar geschlafen habe ich da.“

Und auf See, da gab es auch Freiräume?

„Es war nicht das Paradies. Aber ich wusste, ich kann arbeiten. Ich bin kein Akademikerkopf, aber das kann ich. Ich habe Kochen gelernt und wie man sich in einer Gruppe erwachsener Männer verhält. Ich verdiente Geld, ich war frei.“

Was hat Ihre Mutter getan, als Sie gingen?

„Ich glaube, sie war traurig. Ich hatte sie viele Tausend Male weinen gesehen, das machte keinen Eindruck mehr auf mich. Meine Mutter war wie viele Mütter, sie dachte nur an sich und nie daran, was für diesen Jungen gut wäre.“

Küche, Bar, Bau

Als Jesper Juul von der See zurückkehrte, als er in den Küchen, den Bars, auf dem Bau arbeitete, da erinnerte sich der Vater daran, dass sich der Sohn einst für den Lehrerberuf interessiert hatte und schrieb ihm: „Du musst jetzt wählen. Willst Du Lehrer werden? Dann musst Du Dich jetzt bewerben.“ Der Sohn war sich nicht sicher, ob er Lehrer werden sollte oder Förster oder Offizier zur See. Er holte den Oberkellner. Die beiden würfelten. Das Schicksal entschied, dass Jesper Juul sein Leben nicht in der Zuflucht seiner Kindheit verbringen sollte, dem Wald.

Und auch nicht auf der Zuflucht seiner Jugend, dem Schiff. Jesper Juul sollte sein Leben damit verbringen, die Zustände, unter denen er gelitten hatte, zu verändern. Juul hat sein Schicksal angenommen. Mit Entschlossenheit. Sie ist die Energie, die das Juuliversum vorantreibt. Und wohl auch die Erklärung für die Kompromisslosigkeit, mit der Juul seine Botschaft verbreitet. Gegen Schulsystem, Erzieherverbände und wohlmeinende Eltern.

„Viele sagen, ich sei ein Kinderfreund, aber das stimmt nicht. Mir geht es um Werte, darum, dass die Menschen anständig miteinander umgehen. Das ist für mich das Wichtigste.“

Gehen die Eltern heute nicht anständig mit ihren Kindern um?

„Sie übererziehen. Sie sind immer, immer dabei, wollen sich nützlich machen. Die armen Kinder haben gar keine Chance. Und dann sind diese Eltern Schauspieler, reden drei Oktaven höher mit den Kindern und haben dieses Botoxlächeln. Neoromantik nenne ich das. Das ist ein Aufwachsen im Kühlschrank. Aber die meinen es gut!“

Und das sagen Sie ihnen?

„Ich sage den Eltern: Hör auf, du bist dumm. Aber sie sind nicht gekränkt. Weil ich nicht sage: Du bist ein schlechter Mensch.“

Der größte Pädagoge Europas schnauft ein letztes Mal durch. Dann erzählt er, dass in Schweden jeder sechste Erwachsene Antidepressiva nimmt. „Frisst“, sagt Juul. „Dazu hat unsere Erziehung und Bildung uns geführt. Das nenne ich nicht Erfolg. Wir müssen etwas anders machen!“

„Fühlen, verstehen, handeln, vermitteln”

Emmi Pikler – PIKLER INSTITUT- Internationale Konferenz in Budapest 19.-20.-21. April 2007

„Fühlen, verstehen, handeln, vermitteln” –

Eltern, Fachleute und Kleinkinder

Das Gedankengut Emmi Piklers und ihre vielfältigen Anwendungsbereiche  – Gelegenheiten für  Begegnungen, Austausch und vertiefendes Verstehen

Dr. Anna Czimmek,  19. April, 14:00

Emmi Pikler – eine „pädagogische“ Kinderärztin  – Aspekte ihrer medizinischen Arbeit damals und heute¹ I)        

Zunächst darf ich mich sehr herzlich für die Einladung bedanken. Ich möchte damit beginnen, Ihnen kurz von meinem persönlichen Zugang zu Emmi Pikler und ihrem Wirken zu erzählen. Dann will ich über Emmi Pikler selbst sprechen, wie sie Kinderärztin wurde, über ihre Beziehung zur Medizin und über das, was ihr als Är ztin wichtig war. Einige Beispiele sollen die spezifischen Merkmale ihrer Tätigkeit anschaulich machen und zeigen wie relevant sie auch heute noch für uns ist. Ich war 15 als meine Mutter eines Nachmittags anrief, und sagte, ob ich nicht einen Kuchen backen könne, sie brächte Besuch mit nachhause. Der Besuch war Anna Tardos, und mit ihr trat   zum ersten Mal die Arbeit Emmi Piklers in mein Leben und hat mich seither nicht mehr losgelassen. In den darauf folgenden Jahren nahm ich jede Gelegenheit wahr, mehr über diese Arbeit zu erfahren. Bald erwachte der Wunsch, später einmal in Emmi Piklers Sinn mit Kindern und ihren Familien zu arbeiten. Man riet mir, im Anschluss an die Schule  – als Grundlage für eine solche Arbeit – Medizin oder Psychologie zu studieren. Ich entschied mich für das Medizinstudium, das mehr meinen naturwissenschaftlichen Neigungen entsprach. Zudem gab es mir die Gelegenheit, unser Gesundheitswesen  – eigentlich müsste es eher Krankheitswesen heißen – von innen her kennen zu lernen. Von Anfang an galt mein Interesse der Entwicklung von Säuglingen und kleinen Kindern, wie sie im Gesunden abläuft. Ich hoffte, im Rahmen des Studiums mehr darüber zu erfahren. Bei allen Möglichkeiten, die mir der enge Lehrplan ließ, zog es mich in Bereiche, die zumin dest am Rande mit der kindlichen Entwicklung zu tun hatten: Geburtshilfe, Kinderheilkunde, Kinder- und Jugendpsychiatrie und Neonatologie. Alles war interessant. Allerdings lag das Augenmerk fast immer auf den pathologischen Zuständen. Die einzige Ausnahme bildeten die Lebensverhältnisse, die Marina Marcovich in dem wiener Mautner Markof’schen Kinderspital für Frühgeborene geschaffen hatte. Immer stärker drängte sich mir die Frage auf, wo bleibt bei all dieser Pathologie das Wissen um das Gesunde?  Selbst be i natürlichen Abläufen wie 1  © Anna Czimmek Schwangerschaft und Geburt begegnete mir in der Klinik fast ausschließlich Angst vor ihrer Unberechenbarkeit und vor Komplikationen. Niemand schien ein offenes Auge für die gesunden Vorgänge zu haben. Mein Weg führte mich daher erst mal wieder fort vom medizinischen Wirken, um frei zu sein, mich dem gesunden Leben der Kinder zuzuwenden. Das tatsächliche Arbeitsfeld zwischen Medizin und Pädagogik, in dem ich jetzt tätig bin, baue ich seit einigen Jahren auf. II)        Emmi Pikler wollte ursprünglich Geburtshilfe oder Kinderheilkunde studieren. Da sie sich aber eigentlich für die Entwicklung von Kindern interessierte und nicht für Frauenkrankheiten führte ihr Weg doch zur Pädiatrie. Ihre Studienzeit fiel ins Wien der 20er Jahre, das von einem besonderen Zeitgeist geprägt war, der sich auch im  Klinikalltag niederschlug, den Emmi Pikler in ihrer Ausbildungszeit bei Professor Clemens von Pirquet und dem Kinderchirurgen Hans Salzer erlebte. Nicht ihre herausragenden Leistungen als wirkliche und gute Kliniker, die sie ja waren, sondern ihr Umgang mit dem Kind und ihre Haltung    dem Kind gegenüber beschrieb Emmi Pikler immer wieder als das für sie prägende in diesen Jahren. Bei Pirquet mussten junge Ärzte Säuglingspflege und –Ernährung lernen, die Kinder durften aus ihren Betten, sich bewegen und spielen. Salzer redete mit einem Kind erst solange, bis es sich ohne Angst untersuchen ließ. Das sind Aspekte ärztlicher Arbeit, die etwas grundsätzlich Menschliches im Kind ansprechen und nicht unbedingt a n das Behandeln von Krankheit gebunden sind! Die Wiener Zeit und ihre späteren Beobachtungen von Kindern und deren Familien am Strand von Triest gaben Emmi Pikler den Anstoß zu weiteren Gedanken und Studien zum Wesen der kindlichen Entwicklung. Bis ins kleinste Detail verfolgte sie, wie ein Baby Schritt für Schritt vom   Liegen auf dem Rücken bis zum Stehen und Gehen kommt, ohne dass der Erwachsene es ihm zeigen muss. Durch das Studium dieses frühen, konkret fassbaren Entwicklungsbereiches gewann Emmi Pikler Einblick in allgemeine Gesetzmäßigkeiten der kindlichen Entwicklung, die weit über die der Bewegung hinausreichen. Sie erkannte allerdings auch, dass diese eigenständige – wenn man so sagen will, vom Erwachsenen unabhängige – Entwicklung in Spiel und Bewegung untrennbar verbunden ist mit einer tragenden Beziehung zu den  Eltern oder einem anderen Erwachsenen. Durch diese Erkenntnisse entstand für Emmi Pikler ein Bild vom Kind, das nicht unbedingt der gängigen Vorstellung entsprach. Kinder waren für sie von N atur aus friedlich, an sich selbst und an ihrer Umgebung interessiert, aktiv und selbstbewußt, sie aßen mit Appetit und schliefen gut. 2 III)       Was also war für Emmi Pikler Medizin? In welchem Verhältnis steht ihre Auffassung von Medizin zur heutigen Praxis? Normalerweise geht man zum Arzt, wenn man krank ist. In China gibt es dagegen eine Tradition, in der ein Arzt seinen Lohn dafür bekommt, dass sein Patient gesund ist und bleibt. Auch Emmi Pikler stellte Gesundheit in den Mittelpunkt ihres ärztlichen Wirkens. Sie  ging vom dem eben beschriebenen Bild eines Kindes aus. Traten Schwierigkeiten auf, wie etwa Fremdeln, Koliken, Zahnen, Schlafprobleme oder mangelnder Appetit, so waren das  Zeichen für        sie. Über die Eltern half sie dem Kind wieder ins Gleichgewicht zu komm en. Sie besuchte die Familien in regelmäßigen Abständen, die Säuglinge sogar wöchentlich,  – und zwar nicht erst, wenn ein Kind krank wurde! Mit den Eltern beobachtete sie das Kind in seiner gewohnten Umgebung und besprach mit ihnen alle Fragen der allgemeinen und gesundheitlichen Entwicklung. Sie unterstützte die Mütter beim Stillen und hatte progressive Vorstellungen  zur gesunden Ernährung. Oberste Maxime dabei war immer: Essen sollte vor allem eine Freude sein. Es gab kein Detail, das es nicht wert war betrachtet zu werden. Es war wichtig, was das Kind gern mochte, ob es das Essen lieber lauwarm oder heiß, flüssiger oder fester, süß oder salzig hatte. Es musste keine Löffel mehr essen, als es von sich aus mochte. Andere Themen konnten sein Schlafplatz, Sch lafrhythmus, Aufenthalte an der frischen Luft, Zeit und Raum für eigene Aktivität des Kindes wie auch Zeit und Raum für die Eltern, ihren Aufgaben nachzugehen. Ich zitiere Judit Falk: „Die Grundlage der Gespräche war ein Heft, in dem die Eltern Ereignisse, Beobachtungen, Fragen und Probleme aufschrieben. Emmi Pikler ging das Heft und             die Fragen mit ihnen durch und schrieb ihre Hinweise und vorgeschlagenen Veränderungen   in dieses Heft. Sie erklärte ihre Ratschläge genau. Wenn die Eltern ihre heiteren                 und ausgeglichenen Kinder sahen und sich des Wertes ihrer unabhängigen  Aktivität bewusst waren, konnten sie sich – solange sie in Seh- oder Hörweite blieben – ohne Gewissensbisse ihrer übrigen Arbeit, ja sogar einer Freizeitbeschäftigung widmen. Auf diese Weise        fühlten sie sich nicht als Sklaven ihres Kindes und betrachteten das Kind nicht als ihr Spielzeug. Sie freuten sich an seiner Aktivität und Entwicklung. Die Zeit bei der Pflege verbrachten      sie gern mit ihm zusammen und wurden nicht ungeduldig, wenn das Kind die ihm zugedachte Zeit schelmisch spielend verlängern wollte.“ (Zitat Ende) Diese Art der Betreuung war medizinisch gesehen unkonventionell. Der Halt, den Emmi Pikler der Familie gab, lässt an den Begriff „holding“ von Donald W. Winnicott denken – dem „Gehalten sein“ in einer unterstützenden Umgebung, in der das Kind in Bereichen seiner Kompetenzen Raum für autonome Entfaltung findet. 3 Die heutige Säuglingsforschung spricht von „bonding“. Emmi Piklers Ansatz, die Eltern darin zu unterstützten, ihre Kinder zu sehen und ihren Bedürfnissen gerecht zu werden, ermöglicht eine Beziehung, die differenzierter ist und mehr ist als ein physisches aneinander gebunden sein. Er erlaubt wirkliche Nähe und Begegnung aber auch, dass jeder für sich sein kann. Bindung bekommt so eine andere Qualität und eine Tiefe. Daraus wächst Sicherheit. Piklerkinder waren gesunde Kinder! Sie wurden selten krank und wenn doch, dann in der Regel nicht schwer. Ansonsten entsprachen sie dem oben  beschriebenen Bild. Wie Emmi Pikler in „Friedl iche Babys – zufriedene Mütter“ schreibt, schildern ehemalige Piklerkinder „ihr Kleinkindalter als eine angenehme, glückliche Periode ihres Lebens“. Nicht nur das! Emmi Piklers Erfahrungen in der Familie ließen sich sogar auf die Verhältnisse im Heim übertragen, von denen man bis heute annimmt, dass sie keine gesunde Entwicklung zulassen! Von der Weltgesundheitsorganisation unterstützte Nachuntersuchungen an ehemaligen Lóczy-Kindern bestätigen, dass diese ohne Folgen des Hospitalismus groß geworden      sind, obwohl sie relevante Abschnitte ihres Lebens im Heim verbracht haben. Gleichwohl: Sich als Ärztin auf die Pflege von Gesundheit zu konzentrieren, hieß für Emmi Pikler nicht, Krankheiten zu vernachlässigen! Wie in der Pflege ging es ihr in der medizinischen Behandlung nicht allein um den Körper, sondern um den ganzen Menschen. Für sie bestand zwischen Individuum und Umgebung eine Wechselwirkung, körperliche und seelische Gesundheit hingen unmittelbar miteinander zusammen.

Erst viel später im Spezialgebiet der Psychosomatik findet diese Sichtweise Eingang in den klinischen Kontext. Im Krankheitsfall war Emmi Pikler sehr sparsam mit Medikamenten. Dafür nutzte sie umso mehr die Kräfte der Natur, wie Nahrung, Luft, Sonne und Wasser, um die Vitalität und Widerstandsfähigkeit zu unterstützen. Bei speziellen Fragen hatte sie ein wohl ausgewähltes Netzwerk bester Spezialisten mit denen sie zusammenarbeitete. So konsultierte sie beispielsweise bei mangelnder Hüftreifung, Fußdeformitäten oder Schiefhals den renommierten Orthopäden, Professor Joseph Reichard. Die  Hüftdysplasie möchte ich an dieser Stelle exemplarisch genauer beleuchten. Bei der Hüfte handelt es sich um ein Gelenk, das beim Neugeborenen physiologischer Weise unreif ist: die gelenkbildenden Anteile, Hüftgelengskopf und –pfanne, sind knorpelig angelegt, zum Teil allerdings     anfangs nur angedeutet erkennbar. Durch den Einfluss der physischen Kräfte, die an       diesen Anlagen wirken, reifen sie aus, wachsen und festigen sich zu ihrer endgültigen Form und Stabilität, in der sie dann am Ende auch reif sind, das Gewicht des Körpers zu 4 tragen. Diese physischen Kräfte sind zunächst die Schwerkraft, vor allem aber die Bewegungen, die über die Muskeln am Gelenk wirken. Wenn der Säugling auf dem Rücken liegend   seine Beine in der Luft bewegt, bewegen sich im Gelenk Kugel und Pfanne gegeneinander. Sie geben sich gegenseitig Orientierung und wachsen in exakter Anpassung aneinander.    So weise und genau, wie es die Natur eingerichtet hat, lässt sich das von außen kaum steuern! Bei ausgeprägter Unreife hat man Angst davor, dass Kopf und Pfanne gegeneinander verrutschen. Die übliche „vorbeugende Behandlung“ ist dann „breit Wickeln“, Spreizhose oder bei ausgeprägterem Befund massivere Maßnahmen. Man fixiert dabei die Hüfte in  einer Position, in der die beiden Gelenkteile nicht auseinander rutschen können  (mit Händen zeigen!), wodurch jedoch die natürlichen Regulationsmöglichkeiten für ein bewegliches und präzises Zusammenspiel verhindert werden. Eine Studie von Judit Falk stellt dar, wie es im Lóczy im Zeitraum von 20 Jahren gelungen ist, bei der „Behandlung“ von 30 Kindern mit unreifen Hüften ohne äußere Manipulation auszukommen. Es wurde sorgfältig auf Bewegungsfreiheit geachtet – Rückenlage und bewegungsfreundliche Kleidung gewährten d ies auch in den Hüften. Die Nachreifung wurde in         Konsultationen mit dem Orthopäden engmaschig kontrolliert. Prinzipiell war Emmi Pikler nicht gegen medizinische Eingriffe. Sie beobachtete nur sehr sorgfältig, was wirklich notwendig war und welcher Spielrau m zu Selbstregulation gegeben war. Wie sie ärztliche Eingriffen und Untersuchungen durchführte, möchte ich hier an zwei Beispiele erläutern. Im ersten Beispiel soll ein Kind eine Spritze bekommen oder zum Blutabnehmen gepiekst werden. Der brutalste Fall, den ich in meiner Medizinerlaufbahn erlebte: Ein sich heftig wehrendes Kind im Kindergartenalter wird zur Blutentnahme von mehreren Personen festgehalten         – damals waren es eine für jede Extremität! Üblicher allerdings ist es, das  Kind mit den unterschiedlichsten Mitteln abzulenken, um es dann „ungestört“ schnell pieksen  zu können. Das Kind weint dann oft heftig und lange und wird mit den Worten getröstet: „ist ja nicht     so schlimm“, „ist ja schon wieder vorbei“, „hat doch gar nicht weh getan.“ Das Kind ist erschreckt und fühlt sich betrogen. In Folgesituationen weiß es nicht, ob es dem Erwachsenen trauen darf. Jeder Arztbesuch kann zum angstbehafteten Ereignis werden. Für Emmi Pikler war es wichtig, dem Kind – auch dem kleinsten – zu sagen, was ihm bevorstand. Sollte es zum Beispiel eine Spritze bekommen, stupste sie zusätzlich mit der Watte     auf die Stelle, an der sie stechen wollte. Das half dem Kind sich auf die Situation 5 einzustellen. Auch Tränen waren erlaubt, wenn etwas wehtat. Anschließend beruhigte es si ch dann meist recht schnell und sein Vertrauen zum Erwachsenen blieb ungebrochen. Bei meinem zweiten Beispiel geht es um die Beurteilung des Entwicklungsstandes. Emmi Pikler ging von einer grundsätzlich anderen Haltung dem Kind gegenüber aus. Für sie ist das Kind ein Wesen, das von Anfang an auf der Suche nach seinem Gleichgewicht ist und fähig ist dieses selbst zu finden, wieder zu verlassen und seine Grenzen auszuweiten. Im Rahmen seiner bereits erworbenen Fähigkeiten kann es seine Positionen, Möglichkei ten und Grenzen einschätzen. Es entwickelt ein eigenes Selbstgefühl. Von ganz klein auf ist es in der Lage,                                                                                                                                                    an dem, was mit ihm geschieht, aktiv  teilzunehmen und es wirksam zu beeinflussen. Die Entwicklung der Babys, deren Familien sie betreute, verfolgte  sie bei ihren regelmäßigen Hausbesuchen. Gab es bei Kindern im Lóczy Auffälligkeiten in der Entwicklung, so sollten diese durch eine sorgfältig beobachtende Grundhaltung der betreuenden Erwachsenen im Allgemeinen sehr schnell innerhalb des täglichen Lebens deutlich werden. Für das Entdecken einer Auffälligkeit sollte die Regel sein, dass sie nicht erst – quasi zufällig – in einer Routine- Untersuchungssituation erkannt wird! Trotzdem wurde jedes Kind einmal im Monat von seiner Ärztin von Kopf bis Fuß auf seinen Gesundheitszustand hin untersucht. Für die heute allgemein gängige Vorsorgeuntersuchung zur Beurteilung der Entwicklung wird das Auftreten und Verschwinden typischer Reflexe getestet und der Säugling in verschiedene Positionen gebracht, um zu sehen, ob er sich in diesen Positionen halten kann. Anhand standardisierter Entwicklungstabellen für die ersten Lebensjahre misst man das Kind in Abständen              von Wochen bis Monaten an diesem allgemeinen Zeitplan. In der Untersuchungssituation  sieht das dann beispiels weise so aus, dass ein sechs Monate altes Kind auf den Bauch gelegt wird. Hält es seinen Kopf selbständig,  ist alles in Ordnung. Ist es in seiner Entwicklung allerdings noch nicht so weit, weil es etwa noch nicht beginnt, sich selbst vom Rücken über die Seitlage auf den Bauch zu drehen, klingeln die Alarmglocken. Das Kind fällt als langsam bis rückständig aus dem Rahmen. Leicht entsteht Therapiezwang. Zusätzlich werden die Eltern veranlasst die scheinbar schwache Position mit dem Kind zu üben.

Das Kind wird nun immer wieder aus seinem Gleichgewicht gebracht und findet sich in der Not, sich in der neuen Position zurechtfinden zu müssen. In Bauchlage den Kopf zu heben oder andere Positionen zu halten, die es von sich aus noch nicht einnimmt, geht nur mit erheblichem Krafteinsatz, der ganz anders aussieht als ein sinnvolles, anmutiges Zusammenwirken des ganzen Körpers. Das Kind beherrscht sein eigenes Gleichgewicht nicht 6 und erlebt immer wieder Inkompetenz und Abhängigkeit. So versucht man, einen Säugling, der noch in physiologischer Asymmetrie liegt zu begradigen, einem Kind, das sich noch nicht selbst dreht, den Weg vom Rücken über die Seite auf den Bauch zu zeigen oder man legt es vorbeugend mal so, mal so. Die Entwicklung und damit das Kind wird nach dem beur teilt, was es noch nicht kann und man versucht es ihm anzutrainieren. Damit wird ihm ein  fremdes „Selbstbild“ und „Selbstgefühl“ gegeben. Der typische Kopfhalteversuch ist ein anderes Beispiel dieser Art der Entwicklungskontrolle. Um zu prüfen, ob der oft wenige Wochen alte Säugling seinen Kopf schon selbst hält, wird er an den Händen aus dem Liegen hochgezogen! Der Kopf bleibt hängen oder das Baby versucht ihn abrupt und heftig selbst zu halten. Winnicott beschreibt in dem Vortrag, „Wie Kinder lernen“, wel ches Trauma es für das Kind bedeutet, wenn sein Kopf nicht gehalten wird, wenn der „Kopf [zurück]fällt und das Kind in zwei Teile [zerfällt]  – Kopf und Körper.“ Auf die langfristige Auswirkung dieses Traumas geht er ausführlich ein. Betrachtet man die Entwicklung, wie sie aus dem Kind heraus abläuft, ohne dass der Erwachsene Entwicklungsschritte vorweg nimmt, so setzt die Kopfkontrolle, d.h. das Halten des    eigenen Kopfes, gerade dann ein, wenn sich das Kind in Rücken – und Seitlage ausgiebig geübt und gestärkt hat und sich das erste Mal auf den Bauch dreht. Dies geschieht mit beweglichem, freiem Nacken im Gegensatz zu dem krampfhaft gehaltenen Nacken in den oben beschriebenen Beispielen. Die Feinheiten dieser geschmeidigen Beherrschung des Kopfes lassen sich sehr gut beobachten, ohne dass man das Kind in seinem Gleichgewicht stört. Ähnlich kann man viele andere Feinheiten von Bewegung und Spiel wahrnehmen, wenn man die spontane Aktivität des Kindes beobachtet. Für Emmi Pikler war deshalb die aufmerksame und präzise Beobachtung ein sehr wichtiger Teil zur Einschätzung von Entwicklungsstand und -verlauf. Wenn sie etwas am Kind tat, um es körperlich zu untersuchen, gab sie ihm Zeit, sich darauf einzustellen und ermutigte es „mitzumachen“. Beides zusammen  – Beobachtung und die Art der Untersuchung – erlaubten es ihr, sich ein viel differenzierteres, individuelleres und zuverlässigeres Bild des Kindes oder seines momentanen Gesundheits- und Entwicklungszustandes zu machen. IV)

Und damit komme ich zur Relevanz von Emmi Pikler in der Gegenwart. Wie aus den obigen Ausführungen ersichtlich unterscheidet sich Emmi Piklers Wirken als Kinderärztin in vieler Hinsicht von der heute üblichen Praxis. Jedoch handelt es sich um Aspekte, die heute umgesetzt revolutionär wären. Emmi Pikler kämpfte Zeit ihres Lebens um fachliche und wissenschaftliche Anerkennung. Die Art ihrer Erkenntnisse und die Mittel, mit denen sie zu ihnen gelangte, mögen für manche 7 banal und zu einfach wirken oder gar Widerstände hervorrufen. Tatsache ist, dass sie sich unter dem Einsatz ihrer Sinne und ihrer Beobachtungsgabe ein beeindruckend differenziertes Verständnis des Kindes angeeignet hat. Das Institut Lóczy ermöglichte ihr darüber hinaus „wissenschaftliche Forschung“. Diese Form der Forschung war wenig  prätentiös und Aufsehen erregend. Es gab keine Versuchssituationen. Die Kinder wurden ausschließlich im täglichen Leben beobachtet und die Ergebnisse minutiös ausgewertet. Die ursprünglichen Ideen aus Wien, Triest und der jahrzehntlangen Arbeit mit Familien wurden bestätigt und führten zu weiteren Fragestellungen. Emmi Pikler engagierte sich im Rahmen internationaler Expertentreffen im Ostblock für die Erstellung einer einheitlichen Nomenklatur der verschiedenen Entwicklungsbereiche des Säuglings und Kleinkindes. Sie übernahm den Bereich der Bewegungsentwicklung und war damit     die einzige, die ihre Aufgabe erfüllte. Daraus entstand das fünfsprachige Wörterbuch mit kurzen, jeweils sehr präzise formulierten Beschreibungen in ungarisch, russisch, englisch, französisch und deutsch, ergänzt durch die Zeichnungen von Klara Papp. In deutscher Sprache ist diese Arbeit 1988 in „Laßt mir Zeit“ veröffentlicht worden.

Heute findet Emmi Piklers Arbeit von ganz anderer Seite Bestätigung. Kürzlich hörte ich in Salzburg einen Vortrag des Hirnforschers Gerald Hüther. Zum Thema „Lernen“ erläuterte er, dass  sich im kindlichen Gehirn Nervenbahnen dadurch bilden und vernetzten, dass das Kind Herausforderungen begegnet und sie selbst bewältigt. Damit diese Vernetzungsvorgänge im Gehirn stattfinden können, genüge allerdings selbständige Aktivität nicht allein! Ebenso wichtig sei eine sichere Beziehung. Kommt uns das nicht bekannt vor? Laut Hüther steht als Konsequenz dieser Forschungsergebnisse eine Revolution in unserem Denken und Ve rständnis von Lernen an. Da war Emmi Pikler ihrer Zeit offensichtlich weit voraus. Wie wenig selbstverständlich ihr Wissen und ihre Erkenntnisse bis heute sind und wie wenig Konsequenzen bisher aus der modernern Hirnforschung gezogen werden, erleben viele  Eltern mit ihren Babys tagein und tagaus. Die Kinderärztin Emmi Pikler setzte ihre revolutionäre Sichtweise des Babys und kleinen Kindes als Ärztin und allgemein im Leben der Kinder konsequent um. Sie beeinflusste damit das Selbsterleben des Kindes, das ge tragen in der Beziehung zum Erwachsenen seine Kompetenz selbständig entfalten konnte, und stärkte durch ihre Begleitung die Familie als ganzes und damit die Gesellschaft. Egal ob Ärzte oder nicht, wir können noch sehr viel von ihr lernen. 8